Gegensätzlichkeit und Eifersucht prägten die komplizierte Liebesbeziehung der literarischen Größen Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Einen tieferen Einblick erlangte die Öffentlichkeit vor zwei Jahren, als der spektakuläre Briefwechsel der beiden veröffentlicht wurde. Für das Rothko String Quartet gab dies den Anstoß zu einem neuen Konzertprojekt, in dem die Liebe ganz ohne Kitsch und Pathos im Mittelpunkt steht. Auf sieben ergreifende Briefe Bachmanns findet das Quartett musikalische Antworten – nicht zuletzt mit Leoš Janáčeks Streichquartett »Intime Briefe«. Längst sind die vier Musiker in Ludwigsburg für ihre originellen Programme bekannt und feiern mit »Love Reacts Only« sowohl die Programmpremiere als auch ihren dritten Besuch bei uns.
[Text: Ludwigsburger Schlossfestspiele]
"Das Unglück trifft immer auf die Stelle, wo es mit dem tiefsten Schmerz rechnen kann", schreibt Ingeborg Bachmann, und mit ebendiesem Schmerz fahren die Streicher in die Musik hinein. Das sticht, das ist heftig, das tut weh, das ist, gerade an diesem erfüllten Abend, voller Zärtlichkeit, und das ist hochlebendig, weil alles darin ist: Trauer, Hoffnung, Freude, Leid, Auf- und Abbruch.
[Rezension: Susanne Benda, Stuttgarter Zeitung vom 16.06.2024]
Eines ist gewiss im Leben: der Tod. Ein Satz, den jede*r kennt. Trotzdem verdrängt die Gesellschaft den Tod an ihren Rand. Für Menschen am Lebensende gibt es Heime, für Sterbende Hospize, zum Sterben Krankenhäuser. Dass es mit dem Tod einer Person für die Verbleibenden nicht zu Ende ist, damit rechnen nicht alle. Immer wieder hört man davon, dass die Kosten einer Beerdigung eine wirtschaftliche Gefährdung für die Nachfahren darstellen. Mit 7.000 – 10.000 € muss man schon rechnen. Diese Problematik greift Errollyn Wallen auf in „Machen Sie sich Sorgen über die steigenden Kosten von Beerdigungen?“. Sie prallt an diesem Konzertabend auf das Mozart-Requiem. Eine Totenmesse in Auftrag zu geben und aufführen zu lassen, ist eine der denkbar pompösesten und teuersten Formen, Verstorbener zu gedenken.
So verschieden die Ansätze der beiden Werke sind, so verschieden klingen sie: Während das Requiem einen unwiderstehlichen Sog nach unten erzeugt, lockert Errollyn Wallens Werk die düstere Stimmung sogleich mit dem ersten Satz, einem souligen Blues. Isabel Pfefferkorn und das Rothko String Quartet lenken an diesem Konzertabend die Aufmerksamkeit auf das, was den Hinterbliebenen zwischen Trauer und Rechnungen bleibt: die Suche nach Trost und die Hoffnung auf Freiheit durch einen Neubeginn.
[Text: PODIUM Esslingen]
Ein zeitgenössisches Werk wurde auch mit seiner stilistischen Grenzerweiterung zum Höhepunkt des Abends: „Are You Worried About the Rising Costs of Funerals“ hat die 1958 in Belize geborene britische Komponistin Errollyn Wallen im Neo-Dada-Stil ihre Collage überschrieben, die – mit dem Blues beginnend über Ragtime bis zur Ballade und zum raphaften Sprechgesang – eine wahre Wundertüte an Genres zu einem doch klassisch formvollendeten Virtuosenstück für eine Frauenstimme und vielfältig ausdifferenziertem Streichquartett vereint.
[Rezension: Martin Bernklau, Cul-Tu-Re.de Kultublog, 03.08.2024]
Zu Bachs 339. Geburtstag baut das Rothko String Quartet ein neues Oratorium. Zusammengehalten von seinen eigenen Chorälen wird es dominiert von Verneigungen anderer Komponistinnen vor dem Geburtstagskind. Von Maria Herz' Bearbeitung der berühmten Chaconne aus dem Jahr 1927 über Florence Price' Folk Songs in Counterpoint bis hin zu "Reflections on the Theme B-A-C-H" von Sofia Gubaidulina und Caroline Shaws "The Evergreen" öffnet sich ein Universum an unterschiedlichen musikhistorischen Strängen, die alle von Bach ausgehen. Durch die Zeit verweben sich verschiedenste musikalische Stile um in einander neue Perspektiven aufzuzeigen und so ein lebendiges Vermächtnis des Komponisten aufzuzeigen, das weit über sein eigenes Werk hinausgeht.
[Text: Thüringer Bachwochen]
[...] bei Carolin Shaws [...] Streichquartett „The Evergreen“ können die Mitglieder des Rothko String Quartet [...] ihre volle Klangvielfalt ausspielen, von Anklängen an Arvo Pärts „Fratres“ samt meditativen Tinntinabuli bis zu brausenden Akkorden und wie fallende Wassertropfen tönenden Pizzikati.
[Rezension: Dietholf Zerweck, Ludwigsburger Kreiszeitung, 06.08.2024]
„Ich atme Luft von anderen Planeten.“ Sphärisch, verträumt, nicht ganz von dieser Welt. Ein Blick mit Livestreams aus dem und ins Universum mit Arnold Schönbergs Gedichtvertonungen von Stefan George sowie Musik von Fanny Hensel, Fjóla Evans, Julie Zhu und Caroline Shaw.
[Text: PODIUM Esslingen]
„The Giving Tree“ von Shel Silverstein, zu deutsch: „Der Baum, der sich nicht lumpen ließ“, gilt seit mehr als einem halben Jahrhundert als das wohl kontroverseste aller Kinderbücher - wenn es überhaupt eines ist. Die lebenslange Liebesgeschichte zwischen einem Baum und einem Jungen, bei der eine Seite stets alles gibt, die andere stets nimmt, was ihr angeboten wird, ist traurig wie berührend: Am Ende sitzt ein Greis auf einem Baumstumpf – „and the tree was happy“. Erzählt das Bilderbuch von der bedingungslosen Liebe der Eltern gegenüber ihren Kindern, erzählt es von der Erbarmungslosigkeit der Menschen gegenüber der Natur?
Das Rothko String Quartet nimmt die Geschichte buchstäblich – und lässt im Kaisersaal des Amtsgerichts Esslingen die Natur einen Prozess führen. Liebe oder Ausbeutung, die Pflanzen sitzen zu Gericht. Und die Menschheit? Kläger und Angeklagte in einem, präsentiert das Rothko String Quartet Musik von der Renaissance bis zur Gegenwart. Von Maddalena Casulanas „O Notte“ bis Gabriella Smith‘ „Carrot Revolution“ spielt es an diesem Abend Stücke, die von reuigen Gärtner*innen handeln und vom Wüten der Natur.
[Text: PODIUM Esslingen]